Wer mit mir über Mobilität diskutiert hat, wird es nicht glauben. Ich liebte mein Auto. Das Auto war für mich mal Freiheit. Heute kommt mir der Gedanke absurd vor. So absurd, dass es mir manchmal schwer fällt, mich auf diese andere Sichtweise einzulassen. Also kehre ich nochmal zurück in eine Zeit, in der ich die Welt durch andere Augen sah.

In dem Ort in dem ich meine späte Kindheit und Jugend verbrachte, gab es keinen Bahnhof. Die meisten Bushaltestellen im Ort wurden nur sehr selten angefahren. Die meisten Busse umfuhren uns einfach, hielten nur an einer Haltestelle ganz am Ortsrand um sich weiter auf den Weg zur nächsten Landstraße zu machen. Der letzte Bus nach Hause von der nächsten Kleinstadt mit Bahnhof fuhr gegen acht Uhr. Und war 50 Minuten unterwegs, mit dem Auto waren es nur 13 Minuten. Sonntags fuhren überhaupt nur zwei Busse.

Wollte ich am Abend weg sein, gab es nur die Möglichkeit mit dem Zug in einen anderen Ort zu fahren und von dort mit einem Ruftaxi weiterzufahren. Ruftaxi. Wer in einer Stadt mit nur einem Hauch von Infrastruktur aufgewachsen ist, weiß vermutlich gar nicht, worum es geht. Also eine kurze Erklärung. Im Fahrplan sieht das Ruftaxi (in manchen Gegenden „Rufbus“) aus, wie eine ganz normale Verbindung. Es gibt Haltestellen und Abfahrtszeiten. Im Gegensatz zum normalen Bus, kann ich mich aber nicht einfach an die Haltestelle stellen und mitfahren. Es ist ein Auto, dass ich mindestens eine Stunde vorher bestellen muss. Telefonisch. Ohne Bestellung innerhalb der Frist fährt es gar nicht los - und selbst wenn es fährt, da jemand anders es bestellt hat, nimmt es mich nicht mit. Oder ich bekomme schon am Telefon gesagt, dass es voll ist und kein Platz mehr für mich da ist. Oder man sagt schon am Telefon, dass der Zug Verspätung haben wird und wie viel und sie antworten dir, dass das Auto pünktlich da sein wird und dann eben wieder leer abfährt. Nach Fahrplan. Ein Ruftaxi ist Hilflosigkeit.

Und dann steht man nachts am Bahnhof, gut zehn Kilometer vom warmen Bett entfernt. Es gibt keinen Fußweg zwischen den Orten. Nur die Landstraße, die man entlanglaufen könnte. Manchmal rauschen Autos vorbei, sehen einen erst im letzten Moment, fuhren schon vorher Schlangenlinien und viel zu schnell. Wer ist um diese Zeit noch nüchtern unterwegs? Die Kreuze am Straßenrand versucht man zu ignorieren.

Das alles ist eine Realität, die ich gerne vergesse, wenn ich heute über die Verkehrswende spreche. Wenn ich über Autos und Individualverkehr streite, während ich in einer zugegebenermaßen kleinen aber formal trotzdem Großstadt wohne, eine S-Bahn vor der Tür, zwei Bus-, und drei Straßenbahnlinien und mich dann aus einer Laune heraus doch dazu entschließe mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Es ist eine Realität, die ich mir kaum noch vorstellen kann, während ich bereits über schlechte Taktungen und mangelhafte Infrastruktur innerhalb der Stadt schimpfe. (Begründet. Warum tut die Verkehrsplanung immer so, als wollte ich immer nur ins Zentrum und nie in den benachbarten Stadtteil?)

In Diskussionen in Städten kommt man sich manchmal vor, wie auf einer Insel. Die Diskussion geht nur bis zur Stadtgrenze. Und das ist soweit auch korrekt. Das ist, wie unser Nahverkehr politisch organisiert ist. Es sind die Kommunen, die ihn bezahlen müssen. In einer Stadt ist es recht einfach. Viele Menschen auf wenig Platz. Oft bis zu den Gemarkungsgrenzen bebaut. Direkt danach fängt die Gemarkung der Nachbargemeinde an. Die Ortschaft ist aber erst vier Kilometer dahinter. Will der Ort jetzt, dass die Straßenbahn bis in den Ort weiterfährt, bezahlt sie die Rechnung für die Strecke über unbebautes Gebiet, bis die Bahn die Menschen erreicht.Die kleinen Wohnkommunen können und wollen es sich nicht leisten.

Und das führt auch in den Städten zu dem Dilemma: Wer da draußen wohnt und in der Stadt arbeitet (oder umgekehrt), fährt natürlich mit dem Auto. Alles andere ist schwer zuzumuten. Und wir in den Städten reden davon, die Autos zu verbannen. Sollen die Leute doch Bus und Bahn fahren. Auf die Idee, dass diese Busse und Bahnen überhaupt nicht existieren, kommen wir gar nicht. Wir diskutieren völlig aneinander vorbei. Das die ganzen Infrastruktur­maßnahmen innerhalb der Stadtgrenze der riesigen Menge einpendelnder Personen nichts bringt, interessiert einen Gemeinderat, der natürlich von den Einwohnenden der Stadt gewählt wird, nicht. Wer pendelt existiert hier nicht, kommt in der Diskussion nicht vor. Die Städte ersticken, die Gemeinden ringsherum haben den Platz für die Autos vor den Häusern und sparen Unmengen an Infrastrukturkosten.

Ist die Kostenverteilung das Problem? Warum kommt sie dann nicht in den Diskussionen vor? Warum reden wir da nur von neuen Technologien? Weil ich das Problem an der falschen Stelle sehe oder weil niemand glaubt, dass sich unsere Strukturen so weit ändern lassen? Hat jemand Antworten?

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