Lineares Radio ist für mich gestorben. Vor knapp 10 Jahren. Der Tod kam schrittweise. Die Schritte waren iTunes, iPod und iPhone. Meine digitale Wende im Radio wurde von Apple vollzogen. Sie haben UKW abgestellt.

Seither höre ich viel Radio. Nicht nonlinear, aber ent- und relinearisiert. Das bedeutet, dass ich linear höre, aber eben nicht das ausgestrahlte Linearprogramm (Achtung, persönliche Begriffsdefinition. Nicht in Klausuren verwenden ;)). Eine automatisch erzeugte Playlist spielt eine Datei nach der anderen ab. Woher die einzelnen Beiträge kommen, wird irrelevant. Sie sind einfach da. Für mich ist es nur noch ein abwechslungsreiches Programm. Einmal anschalten und fertig. So wird mein morgendlicher Weg zur Arbeit begleitet von Deutschlandfunk, WDR5, RadioEins, Dradio Kultur, B5, NDR2, HR2, SWR3, SWR1, NDRinfo, WDR2 und SWR Info. Dazu kommen noch einzelne originäre Podcastproduktionen. Undenkbar, wenn ich das mit den UKW-Methoden umsetzen wollte.

Auf diese technische Möglichkeit habe ich seit etwa meinem elften Lebensjahr gewartet. Mit meiner ersten Stereoanlage 1995 konnte ich plötzlich auch unbekannte Sender empfangen. Bald hatte ich einen neuen Lieblingssender. Den Deutschlandfunk. Mein Tor zur Welt. Eine Alternative zum lokalen Privatradiogedudel und dem Stuttgartzentrismus des SDR (der beim SWR noch schlimmer wurde). Als ich das erste Mal in meinem südwestdeutschen Kinderzimmer die Worte “Der Seewetterdienst Hamburg teilt mit..” hörte, konnte ich es gar nicht fassen.

Aber auch der Deutschlandfunk hatte seine Schwächen. Themen, die mich kein bisschen interessierten: Gesundheitssendungen für alte Menschen, Gottesdienste und Andachten. Stattdessen fehlten mir lokale Nachrichten. Die Mischung, die ich wollte, war einfach nicht zu bekommen.

Dann kam der iPod. Aber nicht zu mir. Viel zu teuer. Aber die Podcasts kamen. Erst auf meinen Computer und von da aus in die Zimmer, die ich bewohnte. 2008 bastelte ich mit schließlich ein Script, dass mein altes PowerBook morgens aus dem Standbymodus aufweckte. Die Podcast-Abos wurden heruntergeladen und dann ging das Wecken los. Erst akustisch. Angefangen mit dem Stichtag, gefolgt von Nachrichten und Presseschau. Dann schaltete sich der Monitor dazu. Videopodcasts. Noch ein kurzer Newsflash und schließlich das Lokalwetter für München. So wusste ich auch, welche Jacke ich anziehen muss.

Bei der Arbeit schien man vom Konzept „Podcast” letztlich nicht überzeugt und wollte etwas anderes. ProSiebenSat.1 wollte, wie alle damals, eine Mediathek. Das ist eigentlich nichts schlechtes, außer man denkt, dass beide Konzepte austauschbar wären. Mediatheken und auch Youtube werden immer wieder mit Podcasts gleichgesetzt. Und es gibt wenig Widerspruch. Warum? Scheinbar entscheiden „Entscheider”, dass ihr Unternehmen jetzt ein Podcast braucht, ohne je damit in Berührung gekommen zu sein. Umsetzen müssen das dann Mitarbeiter, die damit ebensowenig zu tun haben. Ach ja lustigerweise überarbeite ich zur ProSieben-Mediathekszeit parallel die Sat.1-Podcast-Seite. Ganz verabschiedet hatte man sich davon noch nicht.

Wenn ich jetzt also Podcasts und Mediatheken strikt trenne, stellt sich die Frage: Was macht den Podcast zum Podcast? Der technische Verbreitungsweg. Nichts anderes. Die Produzenten des Contents müssen nicht einmal wissen, dass das Internet existiert. Zum Podcast wird die Datei dadurch, dass sie durch ein automatisierbar auslesbares Format, wie RSS-Feeds, zugänglich und herunterladbar gemacht wird.

Wenn ich mich für jede neue Folge die Mediathek eines Senders aufrufen und mich durchklicken muss, ist das nicht mehr automatisiert. Kein Podcast. Wenn mich ein Unternehmen auf seine Webseite zwingt um ein Video abzuspielen - kein Podcast.

Für mich persönlich geht das noch weiter: Eine Audioproduktion, die nicht per RSS-Feed in meinen Podcastclient automatisch kommt, existiert für mich nicht. Egal ob Spotify einen Böhmermann einkauft oder jemand meint, auf Youtube eine größere Reichweite zu haben. Ich bin damit als Publikum draußen.

Wenn ihr Podcasts machen wollt, dann denkt sie bis zum Endgerät. Ich bin faul beim Medienkonsum. Ich gehe für euch nicht auf die Webseite. Ich installiere nicht noch eine App. Ihr kommt per RSS-Feed zu mir oder wir lassen es bleiben. Die Datei wird automatisch heruntergeladen, damit ich sie offline abspielen kann. Ohne nur einen weiteren Klick (oder Touch). Ihr seid bei mir ein „Unterwegsmedium”. Im Auto, beim Laufen, im Zug, beim Umsteigen. Und da bekommt ihr weder meine Interaktion (besonders nicht auf der Autobahn) noch mein UMTS-Datenvolumen.

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