“Die beste Kamera der Welt ist die, die man dabei hat” ist zwar ein ziemlich abgedroschener Satz, aber er ist wahr. Und was ist das beste Objektiv der Welt? Klar! Das, das gerade auf der Kamera ist. Jetzt kann man sich fatalistisch zurücklehnen und sagen: „Fototechnik ist doch egal, ich kann sowieso nur mit dem fotografieren was ich gerade habe” oder versuchen zu verstehen was man da eigentlich tut und wie man auch unter nicht optimalen Bedingungen noch arbeiten kann.

Um hoch entwickelte Geräte und Techniken zu verstehen, ist es sinnvoll sich deren Entwicklung anzusehen. Die simplen Prototypen sind meistens noch ganz gut nachvollziehbar, die letzten Entwicklungsstufen zu komplex für den Einstieg.

Auf der Suche nach dem ursprünglichen Objektiv landet man in einem schwarzen Loch - könnte man sagen, stimmt aber nicht. Ein Loch ist nicht schwarz. Es besteht vor allem aus „nichts mit einem Rand” und dieses Nichts hat auch keine Farbe. Darum soll es aber gar nicht gehen. Um unsere komplexen Linsensysteme heute nachvollziehen zu können landet man also bei nichts. Keine Linse, einfach nichts. Die berühmte Lochkamera.

Skizze

Von der Lochkamera hatte ich schon als Kind gehört, im Physikunterricht gab es theoretisch auch irgendwann kleine Experimente dazu. Auf der Projektionsfläche damals, die den neckargemünder Haushügel “Hollmut” abbilden sollte, konnte ich allerdings nichts bis gar nichts erkennen.

Viele Jahre später, die Lochkamera hatte ich schon wieder vergessen, fiel mir das Buch Camera Obscura Heidelberg) (Walther/Zajfert, 2006) in die Hände. Dazu auch eine der Kameras, die bei der Erstellung des Bildbands verwendeten wurde. Die nichts war als ein kleines Pappkästchen mit einem Loch und einem Fotofilm darin.

So wollte ich mein eigenes kleines Pinhole-Photography-Experiment starten. Nicht mit der Pappschachtel, sondern der Nikon D610. Mir ging es schließlich nicht um die Funktionsweise der gesamten Kamera, sondern des Objektivs, dieser „Mutter aller Linsen“, die gar keine Linse ist.

Lockobjektiv auf der Nikon D610

Die „Zutatenliste” ist relativ einfach: Kamera, Pappe, Alufolie, Nadel, Schere, Klebeband, Bleistift, Lineal. Ein Zirkel erleichtert die Aufgabe erheblich. Das weitere war: Pappe nehmen, Mitte ausmessen, mit der Nadel ein Loch reinpieksen, auf die Kamera tapen, fertig.

Aber so richtig gut war das noch nicht. Die Ränder der Pappe franzen leicht aus und damit dann noch genug Licht durchkommt, muss das Loch etwas größer sein. Ungeschickt, denn dadurch wird alles nochmal unschärfer. Dann kam die Alufolie in’s Spiel. Das Papploch wurde noch ein bisschen vergrößert und von Rückständen befreit. Dann eine kleines Stück Alufolie daruntergeklebt. Ein Stich mit einer dünnel Nadel und schon ist da ein kleines, sauberes Loch.

Größeres Loch, 18 Sekunden Kleineres Loch, 30 Sekunden

Der Unterschied ist beachtlich. Allerdings auch der Lichtverlust, den man für das schärfere Bild bezahlt. Beide Bilder sind mit iso 640 aufgenommen. Das „extrem unscharfe” Bild mit großem Loch brauchte “nur” 18,0 Sekunden, das „unscharfe” hingegen schon 30,0 Sekunden.

Licht ist (wie immer in der Fotografie) das endgültige K.-o.-Kriterium. Denn es ist recht offensichtlich: Viel kommt durch so ein Löchlein nicht durch. Bleiben zum Ausgleich die zwei üblichen Stellschrauben: Belichtungszeit und Sensorempfindlichkeit. Mit einer zu hohen Sensorempfindlichkeit kann man sich sicher Bilder zuverlässig zerstören, bei einer langen Belichtung sollte sich eben nicht zu viel bewegen. Das ist nichts neues, bei einer so eingeschränken Optik aber viel extremer als bei einem lichtdurchlässigen Linsensystem (in dem ja auch noch eine verstellbare Irisblende existiert).

Einmal ausgelöst lässt sich bei langer Belichtung nicht mehr viel machen, ausser zu hoffen dass das Bild jetzt “still hält”. Da dem Triebfahrzeugführer am Bahnhof meine Belichtungszeit recht egal war, können wir hier Zug und Treppe in einem Bild bewundern.

Bammental

In geschlossenen Räumen, die nicht komplett aus Glas bestehen, war eine halbe Minute praktisch die Untergrenze. Wohlgemerkt bei iso 640. Mit einem alten analogen iso 100-Film hätte die Kamera auch gut und gerne Stundenlang belichten dürfen. Also ging's wieder nach draußen, wo zumindest Tageslicht zu finden ist. Ein Gebäude bewegt sich in der Regel auch nicht so sehr. Die Autos davor allerdings schon. Wer genau hinschaut wird also noch die Bremslichter eines vorbeifahrenden Autos erkennen, denn 5 ruhige Sekunden sind außerhalb des Fotolabors schon eine Besonderheit.

Büro ampad SRH Hochschule Heidelberg

Lohnt sich der Aufwand? Wenn man Fotografie etwas besser verstehen und ein Gefühl dafür entwickeln will (Studierende dürfen sich angesprochen fühlen) unbedingt, ja!

Previous Post Next Post