Mittwoch, der 20. Dezember 2017. Ab dem nächsten Tag habe ich Urlaub eingereicht und gerade noch ein frustrierendes Erlebnis gehabt. Mir reicht’s, denke ich. Den ganzen Blödsinn brauche ich nicht. Ich gehe für dieses Jahr offline. Einfach so offline gehen? Aber wenn irgendwas dringendes ist - ein Unfall in der Familie und sie versuchen mich auf den gewohnten Wegen zu erreichen?

Also schnell eine Liste schreiben, wer Bescheid wissen muss. Mitgeteilt dass ich noch per Festnetz und Brief erreichbar bin, Notebooks genommen, Tablet genommen, Smartphone genommen und ab in die Schublade. Ab jetzt offline.

Aber wann fährt eigentlich der nächste Zug? Widerwillig gestehe ich mir ein, dass es vielleicht besser gewesen wäre mir vorher nochmal einen Papierfahrplan zuzulegen. Notebook auf, Haltestelle raussuchen, ausdrucken. Bereits ab hier fühlt es sich wie nach Selbstbetrug an. Jetzt habe ich zwar einen Papierfahrplan, aber hätte ich nicht auch zum Hauptbahnhof fahren können und mir einfach einen Streckenfahrplan mitnehmen?

Ich versuche mir Hilfskonstrukte zu basteln - Ok, es gibt eine Software, die ich nutzen sollte… aber ich kann ja das WLAN ausschalten. Ups… die habe ich ja gar nicht installiert, muss ich erst herunterladen… Aber ich schalte wenigstens die Benachrichtigungen aus!

Was ziemlich gut läuft ist der Verzicht auf das Smartphone. Das ist und bleibt einfach aus. Am Anfang überlege ich noch, ob ich das neulich in der Garage gefundene Siemens C45 zu reaktivieren - um wenigstens telefonisch erreichbar zu sein, lasse es aber bleiben.

Für Unterwegs nehme ich mir mehr Zeit. Wenn mir kein Fahrplan genau berechnet wird, muss ich mir auch nicht die Wartezeiten wegoptimierten. Habe schließlich Urlaub - und ganz ehrlich - was mache ich eigentlich mit den fünf Minuten, die ich durch meine zehnminütige Fahrplanoptimierung nachher „gespart“ habe?

Was schwierig wird ist das Verabreden. In letzter Zeit mal eine Telefonzelle…. Telefonsäule benutzt? Ja, ich bin jetzt in meinen 30ern und denke an die Zeit zurück, als ich 20 Pfennig einwerfen musste für das kürzeste Gespräch (90 Sekunden). Die Telekom-Säule am Heidelberger Bismarckplatz will 50 Cent, bevor sie irgendwas tut. Ja, eine Mark, für die älteren unter euch.

Immerhin, die Verbindung steht jetzt. Wir wollen uns treffen und später in das relativ frisch eröffnete Kino in der Heidelberger Bahnstadt. Wann und wo treffen wir uns denn? Plötzlich müssen Entscheidungen getroffen werden. Ich höre dies und das und was alles nicht geht und werfe Geld nach und Geld nach und Geld nach. Am Ende bin ich frustriert, habe aber immerhin eine Uhrzeit und alle Münzen, die ich dabei hatte eingeworfen. 2 Euro, 10 Cent. Jetzt verstehe ich den alten Post-Slogan: „Fasse dich kurz

Übrigens: Wenn ihr überlegt an Weihnachten offline zu gehen: Vergesst es. Zumindest wenn ihr einen Elternteil besucht, der dann… Computerprobleme hat.

Aber zurück zur Smartphonevermeidung. Ich sitze im Kino, denke „oh, Handy ausschalten…. Oh kein Handy… oh… das ist gut“. Sehr entspannt. Weniger entspannt ist, dass die Umwelt gar nicht auf meine Online-Abstinenz reagiert. Verständnislos wäre noch ein Euphemismus. „Wie, du hast keins dabei? Hier guck einfach schnell auf meinem nach“. Und schon habe ich wieder ein Smartphone vor der Nase. Ob ich will oder nicht.

In der (weitestgehend) Offlinezeit, habe ich plötzlich wieder Produktkataloge in der Hand gehalten. Mir Seitenzahlen gemerkt. Mit Menschen gesprochen. Meine Augen auf Punkte in mehr als 40 cm Entfernung fokussiert. Und vor allem habe ich richtig gut beobachten können, war mir alles überhaupt nicht fehlt.

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