#telekomfailhockey – Das Engagement der Deutschen Telekom als Mediendienstleister bei der Deutschen Eishockey Liga (DEL) erntet derzeit viel Kritik. Warum? Seit Beginn der Eishockey-Saison 2016/2017 überträgt die Telekom sämtliche Spiele der DEL live. Plattform ist die Telekom-eigene IPTV-Plattform Entertain mit drei eigenen Eishockey-Kanälen, sowie Streams im Browser und den Mobile-Apps. Einzelne Spiele werden zusätzlich im Free-TV auf Sport1 übertragen. Zur Orientierung: Im deutschen Eishockey wird in der Regel 2x pro Woche gespielt. Eine Saison umfasst – je nach Verlauf der Playoffs – zwischen 394 und 419 Spielen. Sie alle zu übertragen ist ein Aufwand, den alle vorherigen Inhaber der DEL-Übertragungsrechte gescheut haben. Im letzten Lizenzierungszeitraum wurde in einer Kooperation aus Laola1.tv (Sportsman Media Holding) und ServusTV (Red Bull Media House), immer ein Spiel pro Spieltag übertragen.

Das Freitagsspiel lief bei Laola1 im Internet, das Sonntagsspiel im Free-TV bei ServusTV. Dabei haben die Übertragungen bei Servus TV produktionstechnische Maßstäbe gesetzt, die jedes Jahr in den Playoffs noch weiter hochgeschraubt wurden. Unter'm Strich hatte der geneigte Eishockeyzuschauer zwei Liveübertragungen pro Woche: Eine einfache auf Laola1.tv und eine auf ServusTV, die alles in den Schatten stellte, was es zuvor an DEL-Berichterstattung gegeben hatte. Ein Produktionsniveau, an das man sich über vier Jahre durchaus gewöhnen konnte.

Als nach den extremen wirren rund um die Zukunft von ServusTV die Deutsche Telekom als neuer Medienpartner der DEL bekannt wurde, gab es viele Spekulationen: Ob die DEL komplett aus dem Free-TV verschwindet, ob die Telekom wie bei der Basketball Bundesliga (BBL) jedes Spiel übertragen wird, und was das Ganze für den Zuschauer kosten wird.

Auf dem Produktionsniveau, an das man sich dank Servus TV gewöhnt hatte, hielt ich die Übertragung aller Spiele schlicht für unfinanzierbar. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, welche Abstriche man machen wollte um eine derartige Masse an Liveübertragungen finanzierbar zu machen. Aber bald kam die Meldung, dass genau das passieren wird: Alle Spiele Live.

Und das nicht für utopische Pay-TV-Summen. Telekom Entertain-Kunden zahlen dauerhaft gar nichts, Telekom Festnetz- oder Mobilfunkkunden zahlen die ersten zwei Jahre gar nichts, nicht-Telekom-Kunden zahlen 10 bzw. 17 Euro im Monat. Und dann ist das Ganze, abgesehen von einem kurzen Presenter eines Online-Wettanbieters. auch noch werbefrei.

349 bis 419 Spiele nahezu Gebühren- und Werbefrei produzieren? Wow. In der Kombination stellt sich auch nicht die Frage, ob man damit Geld verdienen kann, sondern ob man sich das leisten kann. Die Deutsche Telekom kann es wohl. Und anders als ein strategisches Konzept zur Kundenbindung und Stärkung der Marke „Entertain“, ist das Engagement für mich auch nicht erklärbar.

Trotzdem schmeißt man bei der Telekom nicht einfach mit Geld um sich. Innerhalb des Projekts wird sichtbar an allen erdenklichen Ecken und Enden gespart. Aus bis zu 22 Kameras für die Übertragung eines Spiels (Servus TV) wurden, je nach Spielstätte, geschätzte 6-7 Kameras (2x Übertor, 2x Hintertor, 2x Gerade, 1x Zentraler Bullypunkt). Die Kombination aus Reporter, Experten, Kommentatoren mit zusätzlichem EB-Team im Stadion wurde auf die Position „Kommentator, zuständig für alles“ vereint.

Kurz gesagt – Qualität wurde durch Quantität ersetzt. Denn beides wäre wirtschaftlich wohl keinem noch so leiderprobten Vorstand des „rosa Riesen“ zu verkaufen gewesen.

Über das Ziel hinausgeschossen.

Natürlich nerven Kommentatoren, die weder Eishockeyregeln noch Spielernamen auf die Reihe bekommen. Allerdings hilft es auch hier, sich noch einmal die Dimensionen klar zu machen. Wie viele Eishockeykommentatoren wurden bisher Deutschlandweit gebraucht? Woher sollen plötzlich die Leute für eine 700%-Steigerung kommen? In Fankreisen ist man sauer, allerdings zu unrecht, wie ich finde. Für die 0,-, 10,-, oder 17,- Euro alle Kommentatoren vorher nochmal in Schulungen zum Eishockeyregelwerk und den Besonderheiten der DEL schicken? Naja. Eher nicht. Sollen die in ihrer Freizeit die Strukturen des deutschen Eishockey auswendig lernen? Das verlangt hoffentlich auch niemand. Natürlich kenne ich nach 22 Jahren Eishockeybegeisterung die Regeln, Zusammenhänge und Namen besser. Natürlich muss auch ich grinsen, wenn ein Fettnäpfchen nach dem anderen durchschritten wird. Die Frage: „Wie will man sein Produkt verkaufen, wenn der Fan mehr Ahnung hat, als der Reporter?" in einem Kommentar bei Hockeyweb finde ich entsprechend schwierig.

Dass die Telekom auch auf organisatorischer Ebene (Techniker ist informiert) die Telekom bleibt war zu erwarten. Die Buchung des (inklusive-)Eishockeypakets funktioniert nicht oder setzt sich von Geisterhand zurück, die Telekom-Hotline bleibt die Telekom-Hotline... Wer von diesem Konzern Wunder erwartet, kennt ihn schlecht. Aus meiner Sicht, schlägt sich die Telekom – für Telekomverhältnisse - sogar noch gut und fair.

Aber wer zum Teufel, hat bei der DEL diesen Vertrag ausgehandelt?

Das Machtverhältnis zwischen der kleinen Deutschen Eishockey-Liga, die erbittert darum kämpft auf Sportportalen nicht mehr als „Anderer Sport“ abgetan zu werden und dem früheren Monopolisten und Staatskonzern Telekom könnte größer kaum sein. Und egal, wie merkwürdig die Konditionen ausgesehen haben sollten, wenn die Telekom anbietet alle Spiele produzieren zu lassen und zu übertragen während parallel im Free-TV auf Sport1 neue Zuschauer gewonnen werden können, nimmt man das Angebot an.

Würde es bei dem DEL-Medienpaket nur um die TV-Rechte gehen, wäre wohl alles halb so wild. Es sieht aber aus, als hätte man bei der DEL im Überschwang einige Details vergessen, übersehen, oder einfach nur geglaubt, dass schon alles gut wird und deshalb vertraglich nicht abgesichert. Denn wer die DEL-Medienrechte hat, hat ebenso die Mobile-App und die Website, mit allen ihren Schnittstellen. So gestaltete bis 2012 die Pay-TV-Gruppe Sky die Website, und bis 2016 Laola1.tv.

Als Nutzer bekam man nicht so viel davon mit. Die DEL-Website bekam eben alle vier Jahre ein Facelift. Im Jahr 2016 kann man von einem Facelift nicht mehr sprechen. Statt einer Website zu gestaltet, die die Marke „DEL“ stärkt, führt die DTAG die eigene Marke „Telekom Eishockey“ ein. Die URL „del.org“ wird auf „telekomeishockey.de“ umgleitet, der Liganame wird zur Randnotiz, die Primärfarben der Liga werden durch Magenta ersetzt, das Ligen-Logo erscheint noch klein in Reihe mit den Liga-Sponsoren.

Die zentrale Informationsstelle für Neuigkeiten, Spielpläne, Statistiken, Disziplinarverfahren wird zu einer Werbeplattform für das Eishockey-Paket in Telekom Entertain. Grandios für die Telekom, desaströs für eine Randsportart, die seit 1994 versucht eine Marke zu etablieren, die auch nach 22 Jahren kaum jemand kennt. Die entsprechenden Rants folgten in den einschlägigen Podcasts.

Nicht nur Aspekte der User-Experience irritieren: Es fehlen Informationen, die sich tatsächlich auf den Spielbetrieb auswirken können. Denn Telekom-Eishockey ist darauf ausgelegt zu verkaufen (wenn auch erst in zwei Jahren, wenn die Mobilfunk- und Festnetzkunden kostenpflichtig Entertain buchen, oder direkt bezahlen sollen). So sind auch die Statistiken als Verkaufsargument aufbereitet. Kein Informations- sondern ein Marketinginstrument im Stile „die größten Stars der Liga“, die man sich doch auch (Vielleicht gegen eine kleine Gebühr bei der Telekom..?) in Aktion sehen sollte. Dabei sind die Statistiken unvollständig, unstrukturiert und teilweise auch schlicht falsch.

„Wir Trainer und Manager arbeiten viel mit Statistiken. Im Moment finde ich aber nicht mehr die Sachen, die ich unbedingt brauche. Selbst in der Oberliga ist in dem Bereich das Niveau besser als bei uns." Wird der Wolfsburger Cheftrainer Pavel Gross zitiert. Seine Kritik geht, im Gegensatz der vieler Fans, an die richtige Adresse. Er präzisierte es noch weiter: „Manchmal bezweifle ich, dass die Leute, die für die DEL diese Verträge aushandeln, Ahnung vom Eishockey haben“. Und es ist die „Profiliga“ DEL, deren Aufgabe es wäre sich entweder selbst darum zu kümmern, oder vertraglich die Details in der Ausgestaltung der Online-Statistiken zu kümmern. Der Telekom kann ich (und das fällt mir persönlich recht schwer) keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil: Sie richtet sich konsequent nach ihrer Zielgruppe aus. Die Hardcore-Fans, denen etwas fehlt, sind trotzdem Hardcore-Fans. Sie sind leidensfähig und buchen zähneknirschend auch dann, wenn es anfängt Geld zu kosten. Normalfans dürften nicht einmal merken, was alles fehlt und sich über das neue Angebot freuen, während Neulinge über Free-TV und ein günstiges Angebot an Bord geholt werden können und hoffentlich treue Telekom-Kunden werden. Alles richtig gemacht.

Nicht richtig gemacht haben es hingegen die Clubs, die sich nun wahlweise über die Telekom oder die Deutsche Eishockey Liga beschweren. Sie selbst bilden die DEL Gesellschafterversammlung, die die Geschäftsführung bestimmt und die anderen Gremien einsetzt, wie den Aufsichtsrat, die Rechts- und Wirtschaftskommission und eben auch die Medien- und Marketingkommision. Am Ende hat es entweder die, von den Clubs eingesetzte Geschäftsführung vermasselt, oder die von den Clubs mit ihren eigenen Vertretern besetzte Medienkommision. Auf jeden Fall sollten sich die Clubs bei der Ligakritik erst einmal an die eigene Nase fassen. Außer im vorher schon genannten Fall Pavel Groß – Sein Wolfsburger Arbeitgeber ist abgesehen von der einen Stimme in der Gesellschafterversammlung in keinem der DEL-Gremien vertreten.

Nun wäre die DEL aber nicht die DEL, wenn sie nicht jeder Kritik, egal wie groß oder klein der Grund sein mag, einen richtig großen Grund hinterherschiebt:

Für Außenstehende wirkt es erschreckend, wie unsouverän die Medienarbeit einer „Profiliga“ aussehen kann, die erst ihre eigene Kommunikation völlig aus der Hand gibt, dabei die Arbeitsgrundlage für ihre Mitglieder einschränkt und schließlich auf Kritik mit Sanktionen reagiert. Im Eishockey ist man schon daran gewöhnt. Jetzt wurde im Verhältnis der DEL zur Meinungsfreiheit, besonders in Sozialen Medien, Parallelen zu Nordkorea gezogen. Ganz so weit ist es wohl noch nicht, aber ich will nicht wissen wie es aussähe, wenn die DEL Atomwaffen hätte.
Update: In einer früheren Version habe ich von 4-5 Kameras geschrieben und dabei die Hintertorkameras ausgeblendet. Sorry.

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