Projektfächer sind in der Lehre immer etwas Besonderes. Sie lassen sich auch nicht wiederholen: Jeder Jahrgang, jede Gruppe hat ihre eigenen Bedürfnisse, muss ihre eigenen Wege zu finden ihr gestalterisches Potential so zu kanalisieren, dass etwas neues erschaffen werden kann.

Das letzte Projekt war besonders spannend: Es ist der erste Jahrgang des Studiengangs Crossmedia Design (B.A.), nun im dritten Semester. Die letzte reguläre Lehrveranstaltung mit der Gruppe hatte ich im Oktober 2015 (Storytelling und Drehbuchentwicklung). Ich konnte also einen großen Entwicklungssprung erwarten. Damals traten alle Teilnehmer mit ihrem Drehbuch im Pitch gegeneinander an und wählten das Buch, dass sie produzieren wollten.

Ansonsten sah ich sie noch kurz zu einem Tagesworkshop Produktionsleitung für Film und einem für TV-Produktion.

Und dann kam der Januar 2017. Es wurde ernst. Ich stelle die Projektaufabe und ab jetzt lief die Uhr: 10 Wochen, dann will ich eine Kinopremiere sehen, zehn Minuten Spielfilm.

Ich ging also davon aus, dass auf dem Weg vom ersten bis dritten Semester die Notwendigen Grundlagen gelegt wurden. Dabei war ich selbst lange genug Student um zu wissen, wie riskant es ist sich auf die Inhalte anderer Kurse zu berufen. Menschen vergessen, vor allem nach abgelegten Prüfungen.

Aber Film ist zu komplex noch einmal alles von vorne anzufangen. Es sind zu viele Leute aus völlig verschiedenen Gewerken beteiligt. Zu viel spezifisches Fachwissen wird verlangt, zu viel Organisation ist notwendig.

Also müssen die Inhalte aus früheren Kursen sitzen: Storytelling, Medientechnik (Video), Medientechnik (Audio), die Kameraübungen aus der Lehrredaktion, Sounddesign, Projektmanagement usw, usw. und in den 10 Wochen vom Drehbuch zur Premiere ist auch keine Zeit für Wiederholungen.

An dieser Stelle muss bei so einem Projekt eine Grundsatzentscheidung getroffen werden: Vertraue ich den Studis, oder nicht? Nehme ich sie an der Hand und führe sie durch die Produktion oder lasse ich Ihnen wirklich großen Freiraum - mit allen Risiken?

Nach einem ersten Gespräch, entschied ich mich für das Risiko. Risiko klingt im Hochschulkontext nach einem großen Wort. Viele denken: “im schlimmsten Fall war's dann halt nur eine Übung”. Das war bei unserem Projekt schlicht nicht möglich.

Kreidestaub war von der ersten Woche an, ein sehr reales und zudem auch öffentliches Projekt. Eines, in dem es um echtes Geld geht, mit dem die Studierenden mit ihren echten Namen die PR- und Marketingmaßnahmen für ihre Premiere in einem echten Kino realisieren und danach im echten Fernsehen laufen sollten. Die Fallhöhe ist also tatsächlich vorhanden.

Warum also dann das Modell “Risiko”? Die Antwort ist einfach: Im Studium geht es auch, aber nicht nur um Fachinhalte. Ebenso wichtig ist es auch Verantwortung für sich und eine Gruppe zu übernehmen (anders gesagt: Außer Fachkompetenz braucht es auch Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenz).

In diesem Fall bestand die Gruppe außerdem größtenteils aus angehenden Designern. Sie sollen ihre eigenen Ideen evaluieren und realisieren. Je mehr ich eingreife, desto mehr wird es “mein” Projekt, statt “ihr” Projekt. Und wie sollen sie dann selbständiges Denken trainieren?

Also galt es am Anfang möglichst klare Strukturen zu schaffen, sich auf die notwendigsten Übungen und Absprachen zu konzentrieren und dann mehr und mehr in den Hintergrund zu treten, dabei aber immer für den Notfall ansprechbar zu bleiben.

Der erste Schritt war die Jobvergabe - und eine Erklärung was das überhaupt bedeutet: Produktionsleiter, DoP, DIT, Oberbeleuchter, Ton, Tonassistent, Kameraassistent, Regisseur, Regieassistent, Requisite, Maske, Motivaufnahmeleitung, Kostüm usw. usw. Dazu die ersten wichtigsten Aufgaben: Ressourcen organisieren, also Sponsoren, Schauspieler und Drehorte.

Um eine Chance zu haben, den Überblick über das Projekt zu behalten, wurde ein Trello-Board für das Team angelegt. Trello schien mir das Mittel der Wahl, da es intuitiv, mächtig und flexibel genug für dieses Projekt ist. Außerdem erlaubt es es einen strukturierten Austausch innerhalb der Gruppe. Mit klassischer Projektplanungs- oder gar Drehplanungssoftware habe ich hingegen fatale Erfahrungen im Studienprojekten gemacht.

Für das Produktionsteam kamen jetzt viele Aufgaben auf einmal: Drehbuch und Storyboard überarbeiten, Geld organisieren, Helfer organisieren, Drehorte finden, Genehmigungen einholen. Plötzlich standen auch juristische Fragen im Raum: Panoramafreiheit, Hausrecht, Persönlichkeitsrechte, Unfallverhütungsvorschriften und Drohnenaufstiegsgenehmigung.

Potentielle Unterstützer mussten schnell überzeugt werden, denn wie soll man Budgets planen, deren Volumen man nicht kennt? Außerdem tickte ja die Uhr. Also ging es nicht nur mit der Produktion los, sondern mit Fotos, Broschüren, der Webseite, den Social Media Kanälen Twitter, Facebook, Instagram und natürlich jeder Menge Telefonaten mit potenziellen Unterstützern.

Am Ende stand ein Produktionsbudget (danke an die Fakultät für Information, Medien und Design), Drehorte und Requisite (danke an Sax+Klee). Sponsoring für Catering (danke an Grimminger), Sponsoring für Sekt bei der Premierenfeier (danke an Vino Banco), Sponsoring des Kinosaals (danke an Cineplex Mannheim. Dazu Schauspieler und einen Komponisten, die sich unentgeltlich in den Dienst des Projekts stellten. Das ist alles super, aber auch eine riesige Verantwortung für die Studierenden. Und auch ein gewisser Druck auf den betreuenden Dozenten, wenn ich ehrlich bin.

Was meine Studis dann in der Produktion hingelegt haben, hat mich ehrlich gesagt umgehauen. Es hat einfach funktioniert. Natürlich gab es die kleineren Notfälle und auch mal Coaching-Sessions über Twitter-Direktnachrichten. Aber ich konnte mich tatsächlich im Hintergrund halten. Infos und Fotos vom Dreh kamen automatisch in meine Timeline und ich wusste wo ich ansetzen muss, ohne ständig alles durchzukauen und abzufragen.

Tiefenentspannt ist die Produktion natürlich trotzdem nicht. Dazu gibt es auch sehr kritische Phasen, wie den Übergang von der Produktion zur Postproduktion. Plötzlich werden die Karten neu gemischt, der alte Aufgabenbereich verschwindet, ein neuer kommt, gerade konnte man noch etwas gut, jetzt fängt man von vorne an. Dazu werden Rollen neu verteilt, Autoritäten verschieben sich. Eine Herausforderung für eine Gruppe. Eine Phase, in der es vor allem wichtig war gemeinsam mit den Studierenden einen neuen Fahrplan festzulegen. Ziele identifizieren, Projektmeileinsteine definieren und wieder los.

Was so ein bisschen Farbe ausmacht 🌈 #colorgrading #kreidestaubfilm #kurzfilm #correction #lasttodo

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Der Beginn der Postproduktion ist auch ein Moment der Wahrheit: Können wir mit dem gedrehten Material wirklich die Geschichte so erzählen, wie wir es geplant haben? Sind Bild- und Tonqualität durchgehend gewährleistet? Gab es Fehler, die vorher niemand bemerkt hat? Haben wir tatsächlich das richtige Aufzeichnungsformat gewählt, um den vollen Kontrastumfang und die richtige Farbauflösung für die Farbkorrektur zu haben?

Die gute Nachricht: Auch hier keine Katastrophen. Gut, das Team Color-Grading würde das Kamerateam sicher nicht nochmal in 4:2:2 drehen lassen, aber das gehört zu den kleinen, kaschierbaren Pannen, die wichtig sind um etwas lernen zu können, S-Log2 war hingegen sicher nicht verkehrt.

Während die Postproduktion läuft, wird schon wieder die nächste Phase vorbereitet: Die Veröffentlichung. Das bedeutet Vorbereitung für Premierenfeier im Kino - also noch eine komplette Veranstaltungsorganisation nebenher, Vorbereitung für TV-Ausstrahlungen, Vorbereitung für Web-Veröffentlichungen. Und natürlich die Produktion eines Trailers:

Vorbereitung für's Kino? Das bedeutet nicht einfach nur nochmal im anderen Format rendern. Man will den Zuschauern ja auch etwas bieten... Also brauchen wir mehr als die einfache Stereo-Mischung für Kopfhörer oder Fernsehen. Wir brauchen Sourround. Und wieder kommt eine neue Ebene in's Spiel, über das die Studierenden nachdenken müssen. Wie verhält sich der Ton im Raum? An welcher Stelle denken wir unseren Zuschauer in der Szene? Was ist der Weg von Objekten, bevor sie im Bild überhaupt erscheinen?

Und so treffen wir uns Sonntags, um 11 Uhr morgens im Kino. Es sind Stehtische aufgebaut, es gibt Sekt, Orangensaft und Brezeln. Im Kino 6 läuft "Die Schöne und das Biest" mit Emma Watson, in Kino 8 läuft Kreidestaub mit meinen Studenten. Was will man mehr? Klar. Das Ganze nochmal im Fernsehen sehen. Die Zusage kommt vom Rhein-Neckar Fernsehen per Mail und Twitter. Drei Ausstrahlungen.

Für mich die Gelegenheit etwas zu tun, was ich eher selten mache. Ein Lob aussprechen an das Team. Ihr habt das wirklich gut gemacht. Danke.

Die Sendetermine im Rhein-Neckar Fernsehen:

Mittwoch, 05. April, 20:45 Uhr
Samstag, 15. April, 22:45 Uhr
Sonntag, 23. April, 14:15 Uhr

RNF kann über Kabelfernsehen, per Satellit und HBBTV, per App oder im Livestream empfangen werden.

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