Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es meine erste Begegnung mit Herbert Schön war. Es ist die erste, an die ich mich erinneren kann: Wir saßen am Tisch, tranken mindestens ein Glas Wein und kamen von einem Thema zum anderen, bis wir auf die These stießen, dass sich der Katholizismus in Deutschland besonders dort halten konnte, wo ihn bereits die Römer eingeführt hatten (ein Abgleich von Karten hat diese These bei der ersten Prüfung weitgehend gestützt). Ich muss zugeben, dass das ein eher ungewöhliches erstes Gesprächsthema ist, wenn ich jemanden kennenlerne. Aber es ging genau so weiter. Mit einem gewaltigen Themenspektrum. Vom Konflikt in Sri-Lanka über Rechtspopulisten in Deutschland zum Status von Gibraltar, einer Tour als Anhalter nach Marokko, über Pforzheimer Uhren, die Geschichte der Donauschwaben, dem Reichsdeputationshauptschluss, bis hin zum privaten Lokalradio in Baden-Württemberg.

Wir waren nicht immer einer Meinung, aber wir hatten höchsten Respekt vor den Ansichten des anderen, hörten uns aufmerksam zu und wägten unsere Worte ab. Denn jede fehlerhafte Formulierung war eine Schwächung des eigenen Arguments und auch eine Blöße, die man sich nicht geben wollte. Herbert Schön ist ein Freund, der einfach so in mein Leben gefallen ist, als er meine Mutter kennen und lieben lernte.

Herbert stammt aus einer völlig anderen Welt als ich. Er hat als Kind Krieg und Flucht vor der roten Armee kennengelernt, hat seine soziale Orientierung in der französischen Besatzungszone erlebt, erzählte wie der Beitritt des Saarlands seine Gymnasialzeit in der Südpfalz geprägt hat. Nachdem er realisiert hatte, welches Leid von Deutschland aus über den europäischen Kontinent gebracht wurde, wurde er ein vehementer Gegner des Vergessens und der Verharmlosung der Nazidiktatur. Eine Ansicht, die unter anderen Flüchtlingen und Vertriebenen nicht immer auf Gegenliebe traf.

Sein lebenslanges Motiv waren internationale Kooperationsprojekte. Beruflich und Privat. Vom deutsch-französischen „Sprudelball“, dem Versuch einer spanisch-deutschen Radiosendung (Radio Merkur und Radio Guernica), die Schaffung eines deutsch-französischen Radiosenders im Grenzgebiet und auch ein Ort für Jugendarbeit und kulturellen Austausch in einer ehemaligen deutschen Mühle in der serbischen Provinz Vojvodina. Die Projektziele waren ambitioniert. Manchmal auch zu ambitioniert um sich gegen Behörden und gegen Schranken und Mauern in den Köpfen durchzusetzen. Manchmal gelang es aber auch, Landesministerien und Bundestagsabgeordnete mit an Bord zu bekommen, wie beim Austausch von serbischen Lokalpolitikern.

Die letzten acht Jahre wurde Herbert dabei von Anna Kirchner, meiner Mutter, begleitet. Die beiden waren ein faszinierendes Paar und Team. Herbert mit seinen großen Ideen und Zielen und meine Mutter, deren Pragmatismus und Realitätssinn die Ideen nicht einfach einbremste, sondern erreichbare Ziele daraus synthetisierte, die die beiden dann immer wieder gemeinsam angingen. So war es mir auch eine besondere Ehre, Trauzeuge für dieses außergewöhnliche Paar sein zu dürfen.

Meine wohl ungewöhnlichste Begegnung mit Herbert hatte ich bei den Recherchen für meine Masterarbeit: Während ich mir ein Bild der Medienvielfalt in Baden-Württembergs machte, stieß ich auf eine Rede zum Zustand des lokalen Privatrundfunks aus dem Jahr 1990, gehalten vom Geschäftsführer des damaligen Rastatter Lokalsenders Radio Merkur, Herbert Schön. Was mich dabei faszinierte war, dass er zielgenau die Probleme identifizierte, mit denen ich mich 26 Jahre später auseinandersetzen musste. Uns so fand ich in ihm schon wieder einen Gesprächspartner, der mir eine neue Perspektive auf ein Thema gab, bei dem ich dachte, alle Aspekte bereits erschöpfend bearbeitet zu haben.

Herbert Schön verstarb am 04. Februar 2017. Mit mit ihm verliere ich einen guten und wertvollen Freund. Aber Herbert hat Spuren hinterlassen. Wenn ich sage, dass ein Teil von ihm mit uns bleibt, dann meine ich das nicht nur im Sinne von „in unseren Herzen tragen“. Herbert hat beeinflusst. Manchmal ein Bein gestellt, manchmal in eine Richtung geschubst, sich manchmal in den Weg gestellt, manchmal behutsam gelenkt, manchmal einfach erzählt und manchmal einfach zugehört.

Wer ihn in sein Leben gelassen hat, wird ihn dort auch behalten.

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