Die Präsenzlehre wurde mit Corona untersagt, die Hochschulen haben überlegt wie sie weitermachen. So weit so gut. Wie unterschiedlich sie das aber machen, lässt mich fragen: Was tut ihr da? Was denkt ihr euch dabei?

Manche Hochschulen haben es direkt gewagt. Sie haben die IT mobilisiert, die Medientechnik mobilisiert, ihre internen Fortbildungsstellen mobilisiert und haben versucht den Lehrbetrieb sofort auf online umzustellen. Das ganze war kurz vor Semesterende, hat also nochmal ziemlich geruckelt, aber zum Start des Sommersemesters gab es bereits erste Erfahrungen, die Systeme waren halbwegs da, die Medientechnik und IT bereit. Und vor allem gab es Konzepte. Das hat richtig Spaß gemacht, mitanzusehen und teilweise zu begleiten.

Andere Hochschulen hatten ein ganz anderes Vorgehen. Als sich hier Kolleg*innen verschiedener Hochschulen auf die Onlineumstellung vorbereiteten, als sich die erste Coronaverordnung abzeichnete, wurden sie per Dekret aus ihren Rektoraten zurückgerufen. Die ganz Schnellen konnten ihre Konzepte wegwerfen, die anderen fingen gar nicht an. “Verbot der Distanzlehre” nannte sich das. Begründet oft mit Bildungsgerechtigkeit. Eine Begründung die ich nachvollziehen kann, der ich aber nicht folge (siehe Ende, denn gerecht ist das Ergebnis nicht).

Als dann das neue Semester online startete, gab es dort dann oft keine Strukturen, keine ersten Erfahrungen. Keine gemachten Fehler, aus denen man hätte lernen können.

Und jetzt stellen wir uns mal vor, wie das für eine Person im ersten Semester aussieht. Abitur geschafft, vielleicht ein FSJ gemacht. Es ist die Zeit um das Kinderzimmer hinter sich zu lassen und auf eigenen Füßen ins Leben hinauszugehen. Oft in eine andere Stadt, in der es neue Eindrücke, neue Leute, neue Erfahrungen gibt.

Das Thema war Anfang April erstmal für alle durch. Stagnation. Der Schritt im Leben, der zwar auf dem Papier stattgefunden hat, in der Realität ausblieb. Nichts hat sich geändert.

Aber wie ging man jetzt damit um? Es gibt ja auch online die Möglichkeit Dinge zu tun, die sonst in Einführungswochen gehören. Ok, die Kneipentouren fallen weg, aber die irgendwie nervigen Kennenlernspiele, die an sich sinnlosen Gruppenaufgaben, deren eigentlicher Sinn es ist, dass die Gruppe über den Sinn der Aufgabe diskutiert und sich kennenlernt, statt dass die Aufgabe gelöst wird - Die Möglichkeiten gibt es doch. Eigentlich. Manche nutzten sie, manche eben nicht.

Zurück ins erste Semester. Mit etwas Pech gab es statt einer interaktiven Einführung, an dessen Rand die offenen Fragen besprochen werden, die einfach IMMER vorkommen (Stundenplanung, ECTS-Punkte, etc.) ein FAQ mit Fragen, die nie gestellt wurden. Als Word-Dokument. Und dann beginnt die Lehre. In einem, leider nicht erfundenen Beispiel, sagen wir mal mit acht Lehrveranstaltungen, die eine Hälfte Vorlesung, die andere Seminar. Davon finden drei Lehrveranstaltungen in einer Art Onlinepräsenz statt. Man sieht sich, man kann miteinander sprechen. Und der Rest?

Erstes Semester, Hochschule nur betreten um Papiere abzugeben und zwei Drittel der Dozent*innen hat man einfach noch nie (auch nicht virtuell) gesehen. Stattdessen sitzt man weiter bei den Eltern und darf sich jede Woche einen Stapel Papier mit Aufgaben ausdrucken und bearbeiten. Mit Kommilito*innnen austauschen? Lerngruppen bilden? Man kennt ja niemand! Irgendwelche wildfremden Leute anschreiben ob man zusammen lernen will? Für manche mag das funktionieren, für mich wäre das nichts.

Und ich verstehe nicht, warum. Ich verstehe nicht, wie man so etwas als “Seminar” betiteln kann. Und Vorlesungen… Vorlesungen werden aufgezeichnet, seit es die Kameratechnik überhaupt erlaubt. Dass man nebenher noch die Folien abgreifen und live Einblenden kann ist eigentlich Filmtechnik der 70er, erschwinglich für den Haus- oder Hochschulgebrauch ist es Technik der 80er Jahre. Dass die einzelnen Lehrenden dazu nicht in der Lage sind, verstehe ich. Aber warum kann die Medientechnik nicht eine Kamera in einen leeren Hörsaal stehen und eine Hochschule eine*n Hiwi bezahlen, einfach zum Knöpfchen drücken und dann wird hochgeladen. Dazu ein Online-Forum für Fragen und Austausch… und wir sind bei den technischen Möglichkeiten der 1990er.

Wir haben an den Hochschulen wirklich alle Möglichkeiten. Und ich kenne keine Hochschule, an der es nicht auch Expert*innen gäbe, die den weniger versierten Kolleg*innen dabei unter die Arme greifen würden, wenn das mit der Technik nicht klappt. Und dass manche am Anfang von der Umstellung überrollt wurden, gerade wenn die Übung aus dem Vorsemester gefehlt hat, das verstehe ich auch. Aber Bitte - wir haben jetzt Juli. Ihr mögt aus der Not heraus so gestartet haben, aber ihr dürft eure Konzepte auch während des Semesters verbessern und anpassen.

Und jetzt kommen wir zurück ins Zimmer der elterlichen Wohnung zwischen die Papierstapel. Ohne jemanden zu kennen, ohne Studium wirklich zu erleben. Ich wäre ohnehin furchtbar frustriert, noch frustrierter aber, wenn ich sehe wie woanders für die Lehrenden Worte wie “Semesterzusammenhalt” wichtig sind und virtuelle Teambuildingevents für Gruppen stattfinden, während ich mein Semester gar nicht kenne.

Das muss besser für alle gehen.

Ich persönlich habe tolle Beispiele erlebt wie es funktionieren kann (vielleicht habe ich auch einfach Glück, wo ich gerade bin). Austausch zwischen den Lehrenden, gegenseitiges Diskutieren von inhaltlichen, didaktischen und technischen Konzepten. Weiterhelfen, weiterbilden. Ja, im Auftrag der Hochschulen stehen offiziell Forschung und Lehre, wir wissen alle, dass die Hochschule gerade für die Studierenden viel viel mehr ist. Aber momentan hängt viel zu viel am individuellen Engagement der Lehrenden, wo wir sonst institutionalisierte Qualitätssicherungsmaßnahmen gewohnt sind. Und einige machen aus der Situation heraus tolle Veranstaltungen, aber viele haben sich eben auch komplett zurückgezogen. Also wie lassen sich Mindeststandards für Distanzlehre in die Breite bringen?

Wer im Sommersemester die Erfahrung aus meinem Beispiel gemacht hat ist heute unglaublich frustriert und bereitet sich gerade auf Prüfungen vor, in Fächern zu denen es nie eine Lehrveranstaltung gab - als Erstsemester. Und während für die neuen an Konzepten gearbeitet wird, damit der Oktoberstart besser funktioniert, frage ich mich auch: Was macht ihr mit den angehenden Zweitsemestern, denen die Hochschulerfahrungen komplett fehlen? Wie fängt man diesen Frust auf, wie klebt man die Scherben wieder zusammen?

Und wieder gilt - Ideen gibt es viele und tolle Kolleg*innen an allen Hochschulen, die die Ideen sofort umsetzen würden. Aber wie bekommen wir auch in so einer Situation die Lehrqualität für alle gewährleistet (Gerechtigkeit)?

Wie stellen wir sicher, dass es kein Glücksspiel ist, ob man wirklich Lehre bekommt oder aber völlig alleine gelassen wird?

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